Waschechte Steirer aus der Garnelenzucht

30. April 2021

Milliardärin Ingrid Flick hatte die Idee: In einer 3800 Quadratmeter großen Halle im steirischen Paltental werden Garnelen im ganz großen Stil gezüchtet. Von Christian Nerat

Hinter den riesigen Glasscheiben liegt das Reich der Dämmerung. Hüben, im Speiseraum der „White Panther Produktion“, herrscht emsiges Treiben. Fotoprofi Martin Huber drapiert eine schimmernd blaue Garnele auf Eis. Es ist eine Detailfrage, die ihn beschäftigt: Wohin mit den langen Fühlern, die laut White-Panther-Chef Maternus Lackner ein wichtiges Qualitätsmerkmal sind? Garnelen sind nämlich Sensibelchen. Haben sie Stress, werfen sie ihre Fühler ab. Drüben, im Halbdunkel der Produktionshalle, zerreißen aufblitzende Reflexe einer Taschenlampe das Dämmerlicht. Sie enthüllen die Dimension der Anlage. 38 mal 100 Meter misst die Halle aus Holz, die sich in die Landschaft des steirischen Paltentals fügt. Dicht gedrängt reihen sich
große, schwarze Wassertanks, enge Gänge verlieren sich im Dämmerlicht. Das Wasser kommt aus den Bergen, wird mit Meersalz, Mineralien und Spurenelementen versetzt, um den sensiblen Krebstieren ein optimales Umfeld zu schaffen.

Wie kommt man auf die Idee, mitten in den obersteirischen Bergen Garnelen zu züchten? Die Produktionsgesellschaft ist Teil des Familienbesitzes Rottenmann der Familie Flick, die Idee zur Erweiterung der Wirtschaftsbetriebe um eine Garnelenzucht geht auf Milliardärin Ingrid Flick zurück. Maternus Lackner: „Eigentlich hat die ganze Geschichte mit unserer Holzgasanlage angefangen.“ Stark vereinfacht erklärt: Bei Holzvergaseranlagen wird Gas gewonnen, aus dem wiederum Strom erzeugt werden kann. Nebenprodukt dieses Prozesses ist Wärme. Wie nutzt man diese? Mit einer Garnelenzucht... Der Strom der Anlage – sie erzeugt pro Jahr 1,5 Millionen Kilowattstunden Ökostrom, genug, um ein Elektroauto rund 297 Mal um die Welt zu schicken – hält Produktion und Garnelen selbst bei einem großflächigen Blackout im Wortsinn am Leben. In einer Insellösung mit mehreren Back-ups. Aus gutem Grund: Wenn die Anlagen voll besetzt sind, schwimmen sozusagen rund 3,5 Millionen Euro in den Becken.

Biologe Florian Pölzl irrlichtert in den Tiefen der 3800 Quadratmeter großen Produktionshalle herum, unsichtbar quasi, was ihn mit den Tieren verbindet. Durch Schwebstoffe in den riesigen Tanks sind sie kaum zu sehen. Die Trübung ist übrigens natürlich und hat nichts mit Verunreinigung zu tun, das Wasser wird permanent über Filteranlagen gereinigt. Schließlich ist man in der europaweit einzigartigen Produktionsstätte ihrer Art auf eines besonders stolz: artgerechte Haltung ohne den geringsten Einsatz von Chemie, Antibiotika oder Hormonen, dafür aber gesundes Futter.

Zwei Arten werden im Rottenmanner Ortsteil Edlach gezüchtet: der White Tiger Shrimp und der Blue Shrimp. Letzterer ist der Star der Produktion, dank seiner spektakulären Farbe und wegen seines nussig-süßlichen Geschmacks. Das Interesse sei schon jetzt groß, in der Gastronomie habe halt Corona einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht. Apropos: Eigentlich wäre geplant gewesen, Garnelen-Larven aus Mittelamerika zuzukaufen und im Paltental aufzuziehen. Wegen Corona war der Transport per Luftfracht plötzlich nicht mehr möglich. Also machte man kurzerhand aus der Not eine Tugend, kaufte Brutstöcke zu und übernahm die Zucht der Larven selbst. Das macht die Garnelen aus dem Paltental auch noch zu waschechten Steirern, blitzblau mit grünem Herzen. Und dank wegfallender Transportwege durch und durch ökologisch.

Text: Kleine Zeitung, Samstag, 24. April 2021, Seite 20

Bilder: White Panther Produktion GmbH

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